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Von der Wiege zur Wiege

Donnerstag, den 26.04.12

Unsere sinnlose Wegwerfgesellschaft benötigt ein grundlegendes Umdenken. Cradle to Cradle heißt ein Ansatz, der mehr Beachtung und konkrete Referenzbeispiele braucht.

Letzten Samstag war ich wieder in unserem überfüllten Keller und brachte einige Gegenstände, die schon lange im Keller sinnlos lagern zur zentralen Sammelstelle. Dort empfing mich ein Stau vor der Müllverwertung und ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Alte Computer, Fahrräder, Schuhe, Möbel oder Verpackungsmaterial… Dem Aufzählen sind kaum Grenzen gesetzt.

In meiner Jugend brachte man Elektrogeräte noch zur Reparatur. Heute kauft man in Kaufhallen Massenprodukte ein, die mit Slogans wie "Geiz ist geil" werben. Da kann man das Ablaufdatum fast schon neben dem Garantiedatum aufblitzen sehen. Und wo landet der ganze Schrott? Beispielsweise an der westafrikanischen Küste. Dort ist der Elektroschrott billig zu entsorgen und es gibt keine Auflagen. Ob die Kinder, die den Schrott auseinander nehmen gesundheitliche Gefährdungen in Kauf nehmen müssen, interessiert kaum jemanden.



Bei vielen Produkten ist der Verschleiß unbewusst oder auch bewusst einprogrammiert. Handys sollen nur fünf Jahre halten, dann sind sie hoffnungslos veraltet. So wird uns jedenfalls eingeflüstert. Diese beabsichtigte eingeschränkte Lebensdauer nennt man "geplante Obsoleszenz". Nur bei einigen wenigen Produkten, deren Herstellungskosten immens sind hat der Wiederverwertungsgedanke seinen Platz bekommen. Aluminium frisst in der Produktion hohe Energiekosten. Der Marketingslogan "Ich war eine Dose" ist eine der wenigen Ausnahmen die nicht auf immer schnelle Konsumzyklen setzt.

Aber es geht nicht nur um Wiederverwertung. Bekanntlich sind wir Deutschen inzwischen Spitze was die Mülltrennung betrifft. Nur interessiert kaum jemand die Frage, was mit dem getrennten Müll passiert. Entstehen beim Recycling Schadstoffe, oder ist eine Wiederverwertung mit hohen Energiekosten verbunden? Vielleicht optimieren wir ja in der vorherrschenden Ökopolitik nur die falschen Systeme. Diese bange Frage kann man sich stellen.



An diesem Punkt fangen einige Konsumenten jetzt an, ganz neu zu denken. Die Grundüberlegung geht in folgende Richtung. Produkte sollten am Ende ihres Lebens nicht mühsam entsorgt, aufbereitet oder verbrannt werden, sondern so konzipiert sein, dass sie sich mühelos in anderer Form weiterverwenden lassen. "Cradle to Cradle", von der Wiege zur Wiege lautet das dazu gehörende Motto. Produkte wie Schuhsohlen nutzen sich ab oder gehen kaputt. Das macht sie aber nicht automatisch reif für die Mülltonne. Sie könnten auch als Nährstoffe in einem biologischen Kreislauf dienen. Auch bei Verpackungen ist ein Kreislauf vorstellbar. Warum können Verpackungen von Lebensmitteln mit dem Verbrauch der Inhalte nicht mit verwendet werden. Allerdings müssen sie organisch und ohne umweltschädliche Rückstände abgebaut werden. Unser lineares Denken ist in Frage zu stellen. Auch der Leasing- oder Leihgedanke könnte eine weit größere Rolle spielen. Bei Möbeln liegt hier noch viel Potenzial brach. Ganze Bauteile von Schränken könnten neu verwendet werden.

Dabei geht es nicht um eine weitere Variante einer unattraktiven Verzichtskultur. Die Müllproblematik muss nur mit einem völlig anderen Blickwinkel angeschaut werden. Cradle to Cradle strebt nichts Geringeres als die Umwälzung der wirtschaftlichen Produktionsformen an. Im Prinzip müssten alle Produkte noch einmal neu erfunden werden, erst dann mache Recycling wirklich Sinn. Die Hürde ist nicht gerade niedrig.

Gibt es schon praktische Beispiele? Ja, so verkauft die Firma Epea Umweltforschung abgestufte Zertifikate an Unternehmen, die ihnen bescheinigen, wie weit sie bei der Umstellung auf eine nachhaltige Produktion schon gekommen sind. Das ist ein spannender Ansatz, allerdings droht auch hier die Gefahr, wie beim Handel mit Verschmutzungszertifikaten, dass es manchmal nur um ein grünes Feigenblatt geht. Daher gilt auch hier mein Mantra: Immer die ganze Wertschöpfungskette analysieren.

www.epea-hamburg.org

Georg Lutz ist Politologe und lebt in der sich selbst lobenden Ökohauptstadt Freiburg. Beim Besuch einer Müllsammelstelle kamen ihm da aber so seine Zweifel.